O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.
O Erd‘, schlag aus, schlag aus, o Erd‘,
dass Berg und Tal grün alles werd!
O Erd‘ herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erde spring!
Dieses Lied wird Friedrich Spee, einem bekannten Dichter des Barock zugeschrieben. Vorlage ist ein Bibeltext aus dem Buch Jesaja:
"Blick vom Himmel herab und sieh her von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist dein leidenschaftlicher Eifer und deine Macht, dein großes Mitleid und dein Erbarmen? Halte dich nicht von uns fern…
Reiß doch den Himmel auf und komm herab, sodass die Berge zittern vor Dir."
Wir spüren eine ungeheure Wucht in diesem Lied. Es birst vor Ungeduld. Türen sollen eingetreten werden, Türflügel aus den Angeln gerissen. Der Frühling soll mit Macht kommen, mitten im Winter. Alles soll auf den Kopf gestellt werden.
Das passt so gar nicht zu der gemütlichen Adventsstimmung. Den still brennenden Kerzen.
Aber haben wir eine solch besinnliche Stimmung in diesem Jahr? Unsere Welt ist seit Februar nicht mehr so wie vorher. Wir haben Krieg vor der Haustür. Nicht weit weg, wie in den vielen Jahren davor. Immer gab es Kriege, aber die konnte man prima verdrängen. Diesmal ist es anders.
Und Frühling mitten im Winter? Auch das ist mittlerweile Realität. Menschengemachter Klimawandel. Überschwemmungen, Unwetter. Alles gerät aus den Fugen.
Und wir selbst? Auch wenn wir in einem reichen Land leben, treiben uns Sorgen um. Wie lange reicht das Gas? Wird sich die Wirtschaft wieder erholen? Wie kommen unsere Klienten durch den Winter? Kann man das Auseinanderdriften der Gesellschaft noch verhindern?
Und in der Kirche? Wie gehen wir dort mit den lauter werdenden, verschiedenen Meinungen um? Welche Zerreißprobe steht uns hier bevor?
Und da hinein hören wir dieses Adventslied.
Es könnte als billige Vertröstung verstanden werden. Setzt eure Hoffnung auf den Heiland und legt die Hände gläubig in den Schoss. Aber so hat es Friedrich Spee sicher nicht gemeint. Er selbst lebte in einer Zeit, in der die Hexenverfolgung weit verbreitet war. Er war als Jesuit Beichtvater der Verurteilten und setzte sich für eine Abschaffung der Hexenprozesse ein. Er riskierte damals viel. Wäre fast aus dem Orden ausgeschlossen worden. In Europa wütete der Dreißigjährige Krieg. Überall Zerstörung und Verzweiflung. 1635 starb Spee an der Pest, weil er kranke Soldaten gepflegt hatte.
Spee hat nicht gewartet, bis der Heiland irgendwann einmal wiederkommt. Er hat ihm selbst mit seinem Leben ein Stück des Weges begleitet. Das kann uns ermutigen, an dem Platz, an den uns Gott gestellt hat, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wir haben den Heiland an unserer Seite.
Dieser Glaube kann die Wurzel unserer Arbeit in der Caritas sein. Wir müssen es nur zulassen. Ein Schritt dazu sind unsere Frühschichten.
